Jage dem Frieden nach – zur Jahreslosung 2019

Für jedes Jahr wählt die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) einen Bibelvers als Motto aus.

Die Jahreslosung 2019 lautet:

Suche Frieden und jage ihm nach!

Psalm 34,15 (Lutherbibel)

 
Was ist hier mit Frieden gemeint?

Frieden ist eines der Themen, die die Menschen weltweit am meisten bewegen. Es dürfte kaum jemanden geben, der sich nicht Frieden wünscht: Für sich, seine Familie, alle Menschen auf der Erde.

Aber: wenn Friede doch einer der größten Wünsche von über sieben Milliarden Menschen ist – warum ist die Welt dann trotzdem so unfriedlich? Könnte es sein, dass sich im großen Ganzen das abbildet, was im Kleinen in jedem von uns Menschen steckt? Einmal angenommen, wir selbst besäßen die Macht, über Länder und Armeen zu regieren – würde die Welt dann wirklich friedlicher? Ehrlich gesagt: Ich bezweifle es! Denn wir Menschen sind nicht perfekt. Egoismus, Stolz, Konkurrenzdenken und Überheblichkeit betreffen wahrscheinlich die meisten von uns. Wir alle machen Fehler im Umgang miteinander.

“Die Grenze, die Gut und Böse voneinander trennt, verläuft nicht zwischen Staaten und auch nicht zwischen politischen Parteien – sondern direkt durch jedes menschliche Herz.”

Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn in seinem Buch Archipel Gulag

Wenn die Bibel im Alten Testament von Frieden spricht, steht dort das hebräische Wort Schalom. Es hat viele Bedeutungen und kann weitesten Sinne als ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit beschrieben werden. Damit kommt Shalom der Bedeutung von Segen sehr nahe. Bis heute wird “Shalom” auch als Gruß verwendet: “Friede sei mit dir!”

Das hebräische Wort für Frieden, im Neuen Testament übersetzt mit dem griechischen Wort eirene, ist mehr als innerer Seelenfrieden oder die Abwesenheit von Konflikten. Letztlich bezeichnet Shalom die spürbare Gegenwart Gottes und seine Herrschaft. Es bedeutet: vollkommen Sein, Gesundsein, Wohlbefinden, Eins Sein mit Gott.

Warum sollen wir diesen Frieden aktiv suchen?

In der Lutherübersetzung lautet Psalm 34,15: “Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!”

Die Neue Genfer Übersetzung umschreibt es etwas freier: “Halte dich vom Bösen fern und tu Gutes; setze dich für den Frieden ein und verfolge dieses Ziel mit ganzer Kraft!”

Beiden Formulierungen ist gemeinsam, dass Shalom nicht einfach von selbst kommt. Auch wenn wir ihn als Menschen nicht “machen” können – unsere Mitwirkung ist trotzdem gefragt. Zwei Sätze von Jesus umschreiben diese Spannung zwischen dem Geschenkcharakter des Shalom und unserem Auftrag, uns aktiv dafür einzusetzen.

Jesus spricht: “Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.”

Johannes 14, 27

Hier macht Jesus deutlich, dass der Friede, den wir durch unsere Verbundenheit mit ihm erfahren, nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Immer wieder haben Menschen genau das erlebt: Dass sie in tiefster Not, in feindseligem Umfeld und trotz aller Bitterkeit der Umstände einen tiefen Frieden spüren durften.

Jesus spricht: “Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.”

Lukas 6, 27-28

Hier nimmt uns Jesus in die Pflicht, aktiv friedlich zu sein – auch, wenn es uns noch so schwer fällt. Das ist viel verlangt! Es bedeutet nicht weniger, als dass wir allen Stolz, alles Aufrechnen und Besserwissen hinter uns lassen sollen, um ausgerechnet denen in Liebe zu begegnen, die das in unseren Augen am wenigsten verdient haben.

Spätestens jetzt wird deutlich, warum die Welt nicht friedlicher ist – es liegt wohl doch zu einem großen Teil an uns. Erst, wenn wir bereit sind, diesen Schritt zu gehen, unsere Feinde zu lieben, wird sich daran etwas ändern.

Ich habe selbst schon Erfahrungen damit gesammelt. In einem Fall machte mir Gott immer wieder klar, dass ich auf eine Person, mit der ich mich gestritten hatte, zugehen sollte, um mich zu versöhnen. Da ich die Schuld für den Konflikt nicht ausschließlich bei mir sah, dauerte es fast ein ganzes Jahr, bis ich mich endlich dazu überwinden konnte. Es war, als tippte Gott mir so lange immer wieder auf die Schulter, um mich zu erinnern: Geh’ hin und versöhne Dich!

Als ich schließlich die Person anrief, um mich für mein Verhalten zu entschuldigen, war es im Endeffekt gar nicht so schwer – aber die Wirkung meiner Entschuldigung war überwältigend! Bis heute spüre ich in dieser Sache einen tiefen Frieden, wo vorher Scham, Schuld und Ärger war. Es lohnt sich, mit den Menschen Frieden zu schließen, mit denen wir uns schwer tun! Aber es kostet uns auch etwas: Wir müssen unser Ego zur Seite bitten.

Einen ersten Schritt dazu liefert Jesus selbst: Wir sollen für die Menschen beten, die uns nicht gut tun. Und mehr noch: Wir sollen sie in unseren Gebeten sogar segnen!

“Vater, bitte segne xy und tue ihm Gutes! Danke, dass Du ihn liebst.”

Das ist nur ein kurzes, einfaches Gebet – aber wenn wir es immer in dem Moment beten, wenn uns buchstäblich die Galle hochkommt, dann wird es eine große Wirkung haben – nicht zuletzt auf uns selbst! Segnen lässt Liebe wachsen. Und Segen und Shalom wohnen nicht weit voneinander entfernt.

Dem Shalom nachzujagen, bedeutet, Gottes Perspektive zu entdecken. Die Welt, die Menschen um uns herum und auch uns selbst mit seinem Blick sehen zu lernen!

Das wird einerseits schmerzhaft sein, weil wir dann entdecken, was alles nicht in Ordnung ist.

Es wird herausfordernd sein, weil wir erkennen werden, wie groß unser eigener Anteil an diesem Zustand ist.

Und es wird schließlich großartig sein, wenn wir tatsächlich alles daran setzen, dem Frieden nachzujagen – indem wir aktiv mit Liebe auf andere Zugehen, auch die, mit denen wir uns schwer tun.

Diese Andacht herunterladen:

Gedanken zur Jahreslosung 2019 (PDF)