Kirche bei den Menschen – zur Entwicklung der Paulusgemeinde

Herzenssache: Das Evangelium von der Liebe Gottes erleben und weitergeben

Überblick: Worum geht’s?

Die evangelische Paulusgemeinde Traunreut hat sich in den letzten Jahren auf den Weg gemacht, Kirche näher zu den Menschen und Menschen näher zu Gott zu bringen.

In einem offenen Leitbildprozess, zu dem die ganze Gemeinde eingeladen war, haben wir mit externer Beratung unseren Kurs bestimmt, der uns diesem Ziel näher bringen soll. Das gemeinsam erarbeitete Gemeindeleitbild wurde von Kirchenvorstand und Gemeindeversammlung beschlossen und Ostern 2016 eingeführt.

Heute im Herbst 2018 sind wir unserem Ziel bereits näher gekommen. Viel Neues ist entstanden und trägt Früchte. Die Angebote der Gemeinde sind vielfältiger und moderner geworden. Sie werden von insgesamt deutlich mehr Menschen als vorher angenommen. Besonders spürbar sind die Veränderungen in den Bereichen Kinder, Jugendliche und Familien. Weniger auffällig aber deutlich benennbar haben sich auch die Angebote für Senioren verbessert. Alle Bereiche haben gewonnen, doch fest steht: wir sind weiterhin Lernende und noch lange nicht am Ziel.

Von der Kirchenrenovierung bis zur Lifeliner-Aktion: Die Paulusgemeinde ist sichtbar

Dieser Artikel verbindet den Leitbildprozess der Paulusgemeinde mit der Milieu-Perspektive. Sie weitet den Blick und zeigt, warum Vielfalt ein wichtiges Kriterium für eine positive Gemeindeentwicklung ist. Wachsende Vielfalt bedeutet nicht, dass bisherige Angebote oder Zielgruppen abgewertet werden – sie werden durch neue ergänzt, aber nicht abgelöst.

Ausgangspunkt: Der geistliche Auftrag der Kirchengemeinde

Die Paulusgemeinde versteht sich als eine profilierte, an ihrem geistlichen Auftrag orientierte Kirchengemeinde. Dieser gemeindliche Auftrag ist von der Landeskirche wie folgt definiert:

“Der Wirkungskreis der Kirchengemeinde ist bestimmt durch den Auftrag, den die Gemeinde Jesu Christi von ihrem Herrn erhalten hat. Die Kirchengemeinde hat dementsprechend die Aufgabe, im Zusammenwirken aller ihrer Mitglieder unter Leitung der Pfarrer und Pfarrerinnen und des Kirchenvorstandes für den Aufbau und die Gestaltung des Gemeindelebens zu sorgen. Sie hat insbesondere die rechte Ordnung in der Verkündigung des Wortes und in der Verwaltung der Sakramente zu pflegen, die kirchliche Unterweisung zu fördern, den Dienst der christlichen Liebe zu üben und zu unterstützen und dazu beizutragen, dass die missionarischen Möglichkeiten in dieser Welt wahrgenommen werden.”

(Aus der Kirchengemeindeordnung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern)

Dieser Auftrag war einer der Grundgedanken für die Leitbildentwicklung.

Leitbildprozess und bewusste Öffnung der Gemeinde

In den letzten 20 Jahren haben sich Kultur und Gesellschaft stark verändert, während die landläufigen Formen des Gemeindelebens weitgehend gleich geblieben sind. Die Wahrnehmung dieser wachsenden Kluft und die bevorstehende Überalterung der aktiven Kerngemeinde führten uns zu den Vorüberlegungen für den Leitbildprozess.

Es musste ein Weg gefunden werden, wie die Paulusgemeinde ihre christliche und konfessionelle Identität bewahren und gleichzeitig in einem sich wandelnden Umfeld ihrem Auftrag gerecht werden kann, zugewandt und einladend Kirche für die Menschen von heute zu sein. Im Blick darauf, dass wir zu ganz unterschiedlichen Menschen in ihrer je eigenen Lebenswelt gesandt sind, haben wir im Leitbild formuliert:

“Wir wirken als ganze Gemeinde zusammen, damit alle das Evangelium von der Liebe Gottes in verständlicher Sprache und Form erfahren und seine befreiende Kraft im Alltag erleben: Männer und Frauen, Junge und Alte, Kinder und Jugendliche, Kirchgänger, Konfessionslose, Glaubende, Zweifler und Suchende, Alleinstehende und Familien. (…)
Durch vielfältige, kreative, traditionelle und moderne Formen bringen wir unsere Freude über die Liebe Gottes zum Ausdruck. Wir motivieren Menschen aller Generationen, Gottesdienste zu feiern und Gott in Gebeten und Liedern anzurufen.”

(Aus dem Leitbild der Paulusgemeinde)

Unterschiedliche Menschen – unterschiedliche Geschmäcker

Milieus – ein Schlüssel, um Menschen zu verstehen

In der gegenwärtigen differenzierten Gesellschaft ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Sprache, Kultur, ästhetisches Empfingen, Wertorientierung und Alltagsgestaltung bei allen Menschen vergleichbar sind. Es bilden sich gesellschaftliche Gruppen, die eigene gemeinsame kulturelle Muster entwickeln, sogenannte Milieus. Diese Übereinstimmungen helfen, sich einander zugehörig zu fühlen und sich von anderen abzugrenzen.

Grafik: CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikipedia

Den Sinus-Milieustudien zufolge gibt es in Deutschland derzeit zehn Milieus, die durch eine Vielzahl von Kriterien konkret bestimmbar sind und ihren je eigenen Lebensstil pflegen:

Sozial gehobene Milieus

  • Konservativ-Etablierte
  • Liberal-Intellektuelle
  • Performer
  • Expeditive

Milieus der Mitte

  • Adaptiv-Pragmatische
  • Bürgerliche Mitte
  • Sozialökologisches Milieu

Milieus der unteren Mitte/ Unterschicht

  • Traditionelle
  • Prekäre
  • Hedonisten

Wenn wir als Gemeinde mit den Menschen in unserer Umgebung kommunizieren wollen, müssen wir zunächst deren Denkweise und Sprache lernen und ihre kulturellen Grundmuster verstehen.

Was ist mein Milieu?
Die EKD bietet mit der Milieu-Box einen schnellen Online-Selbsttest an.
Zehn Fragen und Antworten liefern eine Zuordnung der Grundorientierung. (Siehe dazu auch das orangene Kartoffeldiagramm oben.)

A = Tradition (Festhalten / Bewahren)
B = Modernisierung/Indivudualisierung (Haben & Genießen / Sein & Verändern)
C = Neuorientierung (Machen & Erleben / Grenzen überwinden)

Milieuverengung und Milieuorientierung

In der Regel kommuniziert man mit dem Milieu, dem man selbst angehört, am besten. Jeder von uns lebt in einer sozialen Nische – auf die sich meistens auch der Freundeskreis und der soziale Bezugsrahmen beschränkt. Wir fühlen uns eben von den Menschen angezogen, die so sind, denken und leben wie wir und grenzen uns von den anderen eher intuitiv ab.

Bunte Haare sind nicht Ihr Ding? Das könnte an Ihrer Milieuzugehörigkeit liegen.

Schon Anfang der fünfziger Jahre hat Klaus von Bismarck in soziologischen Studien das Stichwort von der “Milieuverengung” der Kirche geprägt. Bereits damals gelang es ihm zu zeigen, dass gemeindliches Leben durch Kleinbürgertum und Mittelschicht geprägt sind. Eine große Zahl von Menschen gerät damit aus dem Blick, obwohl ihnen das Evangelium genauso gilt wie den anderen. Wie viele Tätowierte sitzen bei uns im Gottesdienst? Wie viele Singles und alleinerziehende Mütter? Wie viele junge Männer mit Hipster-Bart?

Jesus hat sich immer denen zugewandt, die am Rand standen oder zumindest nicht zum Mainstram gehörten. Menschen, die aus dem gesellschaftlichen und religiösen Rahmen fielen, hatten für ihn besondere Priorität. 99 Schafe werden auf der Weide zurückgelassen, um ein einziges verlorenes Schaf zu retten. Jesus hat vorgelebt, dass Gottes Liebe grenzenlos ist und auch vor gesellschaftlichen oder kulturellen Hürden nicht Halt macht.

Da wir das Evangelium von der Liebe Gottes an möglichst viele Menschen weitergeben wollen, müssen wir uns als Gemeinde hinterfragen: Welche Typen von Menschen sprechen wir bisher an – und welche nicht? Wie können wir uns mehr auf den Weg zu den Menschen machen, zu denen wir bisher kaum Kontakt haben?

Gleichzeitig müssen wir die Grenzen des Leistbaren realistisch anerkennen: Wie viele verschiedene Gottesformen können wir schultern? Wie können wir mit Menschen aus anderen Milieus authentisch kommunizieren, ohne uns zu verbiegen und unglaubwürdig zu werden?

In seiner kulturellen Anpassungsfähigkeit lag seit jeher eine große Stärke des Christentums. Paulus, einer der ersten christlichen Missionare schrieb an die Gemeinde in der damaligen Weltmetropole Korinth:

“Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich, obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe, einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen. Den Gesetzlosen bin ich sozusagen ein Gesetzloser geworden – nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi – , um die Gesetzlosen zu gewinnen. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben. Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt!”

(1. Korinther 9, 19-24)

Damit meint Paulus nicht Beliebigkeit, sondern vielmehr, dass unterschiedliche Wege sinnvoll und legitim sind, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen, wenn das Evangelium dabei jeweils im Mittelpunkt steht. Im Gegensatz zur Milieuverengung spricht man dann von Milieuorientierung.

Im Stil verschieden – und doch eine Einheit in Jesus Christus

Schon zur Zeit des Apostels Paulus haben sich Christen gefragt, wie sie trotz ihrer Unterschiede eine Einheit bilden können. Paulus beantwortet diese Frage mit dem Beispiel eines menschlichen Körpers, der aus verschiedenen Gliedern besteht:

“Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. So ist es auch mit Christus: mit der Gemeinde, die sein Leib ist. Denn wir alle, Juden wie Griechen, Menschen im Sklavenstand wie Freie, sind in der Taufe durch denselben Geist in den einen Leib, in Christus, eingegliedert und auch alle mit demselben Geist erfüllt worden. Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen. (…) Wenn alles nur ein einzelner Teil wäre, wo bliebe da der Leib? Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib.”

(1. Korinther 12, 12-14.19-20 / GNB)

Einheit in der Vielfalt – jeder blüht in seiner Farbe

Geistliche Gemeinschaft und Verbundenheit liegt nicht nicht in der Gleichheit äußerer Formen gelebten Glaubens begründet – sie besteht für uns Christen in unserer gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus, dem Haupt des Leibes.

Im Leitbild haben wir formuliert:

“Alle Gemeindeglieder und Bereiche unserer Gemeinde bilden durch ihre Verbundenheit mit Jesus Christus ein zusammenhängendes Ganzes. Sie sind trotz der Verschiedenheit ihrer Prägung, Tradition und Begabung gleichwertig und ergänzen sich gegenseitig. Unsere Gemeinde lebt durch das Miteinander einer facettenreichen Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten des Glaubens.”

(Aus dem Leitbild der Paulusgemeinde)

Aktuelle Herausforderungen

Vielfalt bedeutet Leben, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. Neue Angebote und Formate ziehen neue Menschen an, die sich in die Gemeinde einbringen. Sie tun das mit ihrer Sichtweise und Lebensweise – was innerhalb der Gemeinde für mehr Buntheit sorgt, aber auch zu Spannungen führen kann.

Ein buntes Bild braucht bunte Farben, die gezielt eingesetzt werden

Hier sind wir wie die frühen Christen immer Lernende, die einander in Demut und Liebe achten sollen. Dabei kann es nie darum gehen, nur auf der Erfüllung der eigenen Interessen zu bestehen – es muss immer der Leib als Ganzes im Blick sein, dessen Ziel und Aufgabe es ist, Gott die Ehre zu geben. Dieses Lernen und Lieben wird allen Gliedern des Leibes gleichermaßen abverlangt und zugemutet. Wir werden dabei immer wieder an Grenzen stoßen, werden miteinander und voneinander lernen und immer wieder neue Wege entwickeln, wie wir das gemeinsame Leben und Dienen in der Gemeinde gestalten.

“Lasst einander also gelten und nehmt euch gegenseitig an, so wie Christus euch angenommen hat. Das dient zum Ruhm und zur Ehre Gottes.”

(Römer 15,7 / GNB)

In der Praxis setzt das eine offene und wertschätzende Kommunikation in der Gemeinde voraus. Gemeinsames Lernen kann nur im offenen Austausch miteinander geschehen. So können Defizite und Einseitigkeiten erkannt, benannt und konstruktiv mit Blick auf das Ganze der Gemeinde behoben werden. Eine gute Gelegenheit ist dafür zum Beispiel die jährliche Gemeindeversammlung, in der der Kirchenvorstand über seine Arbeit und die Entwicklung der Gemeinde bereichtet.

Beobachtungen und Wünsche können bei Bedarf auch sonst jederzeit an den Kirchenvorstand eingereicht werden. Dabei sollte der Absender namentlich erkennbar und das Ziel Ihres Antrags klar und spezifisch unter Angabe von Gründen formuliert sein, damit sich der Kirchenvorstand dazu verhalten kann.

Die Kursbestimmung einer Gemeinde ist eine geistliche Aufgabe, der wir nur im gemeinamen Hören auf Gott und sein Wort gerecht werden können.

“Von Jesus Christus geht alle Macht aus, nicht von uns. Lebendige Gemeinde können wir nur sein, indem wir auf das gegenwärtige Handeln Gottes vertrauen. Jesus Christus ist Fundament, Baumeister und Herr unserer Gemeinde. Das bewahrt uns vor Überforderung und ermutigt uns zum Gebet.”

(Aus dem Leitbild der Paulusgemeinde)

Links zum Weiterlesen

Wikipedia: Sinus-Milieus

Ausführliche Informationen zu den Sinus-Milieus (PDF)

Kurzinfos zu den Sinus-Milieus (PDF)

Sinus-Artikel: Was wollen die Schäfchen – Deutschland ist Missionsland geworden (PDF)

Bundeszentrale für politische Bildung: Säkularisierung und die Rückkehr der Religion?

Die Milieu-Box: Zu welchem Milieu gehöre ich?

Lust auf Menschen – kirchliches Info-Portal zum Thema Milieus

Konsequenzen aus der Milieuperspektive für die Gestaltung des kirchlichen Taufhandelns

Gott in der Stadt – Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt, EKD-Texte 93, 2007

Selbstverständnis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Buchtipp

 
Center Church – Kirche in der Stadt
von Timothy Keller
400 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-7655-0978-0
EAN: 9783765509780
3. Auflage 2018, Brunnen-Verlag

In Center Church entfaltet Timothy Keller seine theologische Vision für Gemeinde im 21. Jahrhundert: Wie kann Kirche in einer säkularen, nachchristlichen Gesellschaft aussehen, jenseits von Anpassung oder Abschottung, Liberalismus oder Gesetzlichkeit? Was bedeutet es, das Evangelium ins Zentrum zu stellen? Wie lassen sich Kontextualisierung, Gesellschaftstransformation und missionale Gemeinde biblisch bestimmen?

Timothy Keller, Jahrgang 1950, hat Praktische Theologie an verschiedenen Universitäten gelehrt. Seit 1989 leben Timothy und seine Frau in Manhattan, wo sie gemeinsam die Redeemer Presbyterian Church gegründet haben, die als eine der einflussreichsten 25 Gemeinden in den USA gilt.

In Center Church entwirft Keller ein großartiges Panorama von Gemeinde und zeigt auf, wie Gottesdienst, Gemeinschaft, soziale Arbeit und die Integration des Glaubens in säkulare Berufe zusammenwirken können. Gastbeiträge von Praktischen Theologen und Gemeindegründern kommentieren, wie Kellers Ansätze auch im deutschsprachigen Raum anwendbar sind.

Quelle: Brunnen-Verlag
 

Scroll Up